Areal Dornach – Interview Christian Schlatter

«Der Prozess ist ein Glück für die Gemeinde Dornach, da sich eine solche Dimension
selten findet.»

Seit 2012 ist Christian ­Schlatter Gemeindepräsident der solothurnischen Gemeinde Dornach und damit in die bei der Entwicklung des Raumplanungskonzepts «Birsstadt» involviert, für das sieben beteiligte Gemeinden sowie die Kantone Solothurn, Basel-Landschaft und Basel-Stadt im Jahr 2017 eine Absichtserklärung unterzeichnet haben. Im Interview erklärt Christian Schlatter, welche Rolle das HIAG Areal in Dornach für die Entwicklung der Gemeinde spielt, und verdeutlicht, welche Chancen und Risiken sich für die Gemeinde vor den Toren Basels ergeben.

Herr Schlatter, von 2014 bis 2016 erarbeiteten die Gemeinden Aesch, Arlesheim, Birsfelden, Dornach, Münchenstein, Pfeffingen und Reinach das Raumplanungskonzept «Birsstadt». Was war der Anlass dafür?

Christian Schlatter: Die «Birsstadt» war zunächst eine informelle Vereinigung der Gemeinden, denn uns war klar, dass wir in einem gemeinsamen Raum leben und gemeinsam übergeordnet diskutieren müssen. Als dann das revidierte Raumplanungsgesetz 2014 verabschiedet wurde, war das ein entscheidender Moment, denn das Konzept vom funktionalen Raum wurde plötzlich Realität. Das war der Anstoss für eine gemeinsame Planung und für das Raumkonzept «Birsstadt».

2017 wurde von allen beteiligten Gemeinden eine Absichtserklärung für das Konzept «Birsstadt» unterzeichnet. Mit welchem Ziel?

CS: Mit der Absichtserklärung bekunden die Gemeinden explizit den wichtigen Stellenwert des Konzepts, auch wenn dieses nicht behördenverbindlich ist, sondern in erster Linie Orientierung gibt. Zudem wurden mit der Absichtserklärung die Gemeinderäte in die Pflicht genommen, das Konzept zur Kenntnis zu nehmen und darüber hinaus auch danach zu «leben».

Heute wohnen rund 70’000 Menschen in der vom Konzept «Birsstadt» berücksichtigten Region. Auf welche planerischen Herausforderungen konzentrieren Sie sich?

CS: Verkehr, Verkehr, Verkehr – in dieser Reihenfolge etwa. Und die Thematik der Entwicklungsareale spielt eine grosse Rolle. In Sachen Verkehr gab es bereits zwei Studien – auf einen grünen Zweig kam man jedoch nicht. Das liegt auch daran, dass die Auffassungen, wie viel in Infrastruktur investiert werden soll, bei den beteiligten Gemeinden und Kantonen sehr unterschiedlich sind. Das Thema Entwicklungsgebiete ist ebenso wichtig, denn in den von der «Birsstadt» betroffenen Gemeinden gibt es über 50 Entwicklungsgebiete, von klein bis gross. Entwickelten wir alle Flächen, würde Raum für 15’000 Bewohner entstehen. Dass dies nicht so einfach geht, liegt auf der Hand. Jetzt prüfen wir, was das für die Umsetzung bedeutet.

Im Jahr 2015 ging das ehemalige Swissmetal-Areal in Dornach an HIAG über. Wie wurde der Eigentümerwechsel von der Gemeinde aufgefasst?

CS: Lange Zeit herrschte Ungewissheit, an wen das Areal gehen würde. Als klar war, dass die HIAG neue Eigentümerin sein würde, herrschte Erleichterung. Zum einen, weil HIAG schon im Kanton Solothurn aktiv und damit bekannt war, und zum anderen stimmten die verfügbaren Unternehmensinformationen sehr zuversichtlich, auch weil sich HIAG mit ihrem Anspruch an Nachhaltigkeit klar von anderen Unternehmen der Branche unterscheidet. Positiv war, dass Michele Muccioli als Vertreter der HIAG im Gemeinderat auftrat und so eine gute Basis für die Zusammenarbeit gelegt wurde. Mir liegt viel daran, dass wir diesen Dialog vertiefen.

Im Mai fand in Ihrer Gemeinde ein Mitwirkungsverfahren unter dem Titel «Zukunftskonferenz Dornach 2040» statt. Welche Anstösse konnten die Teilnehmer im Hinblick auf das HIAG Areal geben?

CS: Die über 100 involvierten Personen stammten aus fast allen Bevölkerungsgruppen, es wurde abends und am Samstag viel gearbeitet. Fazit war, dass das Areal als wichtiger Teil von Dornach wahrgenommen wird und dass wir darauf achten müssen, dass kein «Ghetto» entsteht und künftig die Anbindung und der Zugang zur Birs möglich sind. Die Menschen möchten einen offenen Ort zum Wohnen, Arbeiten und Erleben.

Welche Rolle spielt das HIAG Areal für die «Birsstadt» aus Sicht der anderen Gemeinden?

CS: Das Areal birgt Potenzial für 2’000 Menschen und die anderen Gemeinden haben deshalb nicht nur die Qualitäten im Blick, sondern haben auch Ängste im Hinblick auf Lärm und Verkehr oder Bedenken, dass sich Gemeindebewohner abwenden könnten und wegziehen. Ich glaube jedoch nicht, dass die Ängste begründet sind. Das Problem ist vielmehr, dass die Behörden in den Gemeinden so viele Themen auf dem Tisch haben, dass sie den Blick über die eigenen Grenzen hinaus nur schwer vollziehen können. Das ist nicht vorteilhaft für die Kommunikation.

Für die Entwicklung des HIAG Areals fand eine Testplanung als Grundlage für den Masterplan statt. Sie sind Mitglied der Jury. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?

CS: Der Prozess ist ein Glück für die Gemeinde Dornach, da sich eine solche Dimension selten findet. Und ich glaube gleichzeitig, dass meine Rolle als Gemeindevertreter wichtig ist für den Prozess, denn es sind viele Personen im Gremium, deren Sicht eine planerische ist. Doch zusammen mit den anderen Experten gibt es verschiedene Sichtweisen und somit interessante Diskussionen. Für Dornach ist dieser Prozess wegweisend, da wir die Erfahrungen für andere Projekte in der Gemeinde nutzen können, derzeit etwa für die Umsetzung einer Machbarkeitsstudie im Bereich Schul- und Sportinfrastrukturen. Die eigene Hemmschwelle, solch einen Weg zu gehen, hat für mich durch die Erfahrungen mit der Testplanung enorm abgenommen.

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Arealfläche:
21’000 m²
Gewerbeflächen:
4’900 m²
Projektstatus:
  • Akquisition
  • Planung
  • Realisierung
  • Bezug
Zuständiger Arealentwickler:
Lukas Fehr
Nachhaltigkeit:
  • Nutzung der Abwärme durch Verbrennen der Holzabfälle
  • Thermisch aktivierte Bauteile im Bürobereich (TABS in Holz-Beton-Verbundweise)
  • Bewusste Auswahl hochwertiger und nachhaltiger Materialien zur Steigerung der Arbeitsraumqualität

Was sind aus Ihrer Sicht die Erkenntnisse und Knackpunkte im Rahmen der Testplanung?

CS: Eine Erkenntnis ist, dass die «Birsstadt» naturräumlich schnell an ihre Grenzen kommt, weshalb es ein höheres Gebäude auf dem Areal vertragen würde, eines, das einen Bezugspunkt zum Roche-Turm setzt, und die Kommunikation zwischen den Gebäuden aufbaut und eine Antwort gibt auf die Frage der Verdichtung. Auch ist der Verkehr ein zentraler Punkt, vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die Mobilität verändern wird. Dazu vermisse ich weiterführende Aussagen in der Testplanung, denn ich sehe das Areal auch als einen Ort, an dem es Raum für Experimente in diese Richtung geben könnte. Eine weitere Einsicht war, dass der Naturraum noch wesentlich mehr gewinnen könnte, als ich mir je hätte träumen lassen. Dass wir einen Partner haben, der das so verfolgt, freut mich.

Die Erschliessung ist ein wesentliches Thema für die Umnutzung des Areals. Ein Aspekt davon ist die angedachte S-Bahn-Haltestelle «Öpfelsee» – wie kann die Gemeinde die Realisierung vorantreiben?

CS: Das ÖV-Angebot ist in der Hoheit des Kantons. Das macht es nicht einfacher für uns. Wir können auf die Wichtigkeit immer wieder hinweisen. Im Richtplan sind die S-Bahn-Haltestelle und der Zubringer A18 eingetragen. Wir arbeiten an Möglichkeiten, früher etwas zu unternehmen, zum Beispiel durch Vorfinanzierungen, und prüfen, wie diese aussehen könnten.

Die Umsetzung der Entwicklungsarbeit soll in mehreren Etappen erfolgen. Wie beurteilen Sie die Etappierung?

CS: Die Etappierung ist der einzige Weg, wie wir die Entwicklung realisieren können. Schon aus Sicht Verkehrs braucht es eine Etappierung, um auf die nächste Phase Einfluss nehmen zu können. Entwicklung bringt Neuerungen. Im Kleinen beginnen wir zu wachsen und können schrittweise Vertrauen aufbauen – und wir können noch justieren und korrigieren.

2017 wurden die Vorbereitungen zur Zwischennutzung des Areals vorangetrieben. Die Umsetzung soll 2018 erfolgen. Mit welchen Erwartungen blicken Sie dieser Nutzungsphase entgegen?

CS: Ich würde mich über eine Öffnung und Zugänglichkeit freuen, Berührungspunkte mit der Bevölkerung sollten geschaffen werden, ebenso wie eine Verbindung zur Birs hin. Mein Grossvater hat neben dem Areal gewohnt, ich war als Kind viel dort. Das Bild, das mir von damals blieb: Ein Areal, mit Mauern und Stacheldraht abgesperrt, Lärm, Abgase und wenn man an der Pforte vorbeikam – wir trainierten damals auf der Strasse Leichtathletik –, rief der Portier, man solle verschwinden. Daher besteht bei mir auch der starke Wunsch, dass man Zugang gewinnt und die Adressbildung vorantreibt.

Sie sind in Dornach aufgewachsen und verwurzelt. Was liegt Ihnen für die Entwicklung der Gemeinde im Kontext der «Birsstadt» besonders am Herzen?

CS: Mir liegt am Herzen, dass wir die tolle Ausgangslage nutzen, die wir in Dornach haben – denn es kommen eine Menge gesellschaftlicher Fragestellungen auf uns zu, etwa die Zunahme bei der Gruppe älterer Personen in der Gesellschaft und das Thema Bildung. Mir ist zudem wichtig, dass wir unser Ziel erreichen, mithilfe einer effizienten und menschlichen Verwaltung gute Dienstleistungen für die Bevölkerung zu erbringen. Zudem glaube ich an das Zusammenspiel von Naturschutz und Wohnen, was die Selbstversorgung vorantreiben könnte. Es soll wieder mehr hier in Dornach selbst passieren. Auf dem Areal der HIAG könnte es dafür ein Experimentierfeld geben, um gewisse Aspekte aus all dem zu realisieren.